
El Grande Americano und wie aus einer Parodie unbemerkt ein Kampf um Identität wurde
Die Parodie
Der Wrestler Chad Gable entwickelte die maskierte Figur El Grande Americano. Die Figur präsentiert sich als der amerikanische Luchador und behauptet, dass das ursprüngliche und bessere Wrestling aus Amerika stammt. Mit zunehmenden Auftritten baut er sich einen eigenen Ruf auf.
Für die Zuschauer ist jedoch leicht zu erkennen, dass Chad Gable unter der Maske steckt, da seine Identität nicht überzeugend verborgen wird. Aber genau daraus entsteht der Unterhaltungswert. Die Zuschauer kennen die Wahrheit, spielen aber mit, als wüssten sie nicht, wer sich dahinter verbirgt.
Als sich Chad Gable verletzt, ist fraglich, wie es mit der Rolle weitergeht. Als ein anderer Wrestler die Maske und das Outfit übernimmt, erkennt man den Unterschied deutlich, da der deutsche Ludwig Kaiser viel größer ist als Chad Gable. Damit wird der ursprüngliche Witz ins Absurde gezogen. Die Sendung behandelt ihn aber weiterhin als El Grande Americano und die Zuschauer spielen auch mit, obwohl der Wechsel sehr offensichtlich ist. An diesem Punkt passiert etwas Entscheidendes. Kommen wir aber später darauf zurück.
Der Wechsel
Der neue El Grande Americano führt nicht nur die Rolle über einen längeren Zeitraum fort, sondern tritt sowohl bei der WWE als auch bei der mexikanischen Wrestlingorganisation AAA auf. Dort begegnet Ludwig Kaiser einem Publikum, das mit den Traditionen des Lucha Libre unmittelbar vertraut ist. Jetzt kann sich die Figur nicht mehr auf den ursprünglichen Witz verlassen, sondern muss eine eigene Identität entwickeln. Erstens beendet Kaiser den spöttischen Umgang mit El Grande Americano und versucht, als ernsthafter Luchador aufzutreten. Zweitens spricht er bewusst auf Spanisch mit dem mexikanischen Publikum. Das bemerkt man auch daran, dass er seine Zuneigung zu Mexiko erklärt und mit den Zuschauern das mexikanische Volkslied „Cielito lindo“ singt. Damit entsteht nicht der Eindruck, dass er sich über die Kultur lustig machen will, sondern dass er ernsthaft versucht, eine Verbindung aufzubauen. Das Publikum reagiert positiv und Kaiser greift diese Reaktionen wieder auf und verstärkt sie durch umgangssprachliches Spanisch, ein mexikanisches Fußballnationaltrikot, mexikanische Musik und so weiter.
Diese Entwicklung vollzieht sich über längere Zeit und formt einen anderen El Grande Americano. Damit ändert sich auch der Blick auf die Figur: von einem amerikanischen Spottcharakter zu einer ursprünglich amerikanischen Lucha-Figur, die vom mexikanischen Publikum akzeptiert wird.
Die Rückkehr: Zwei Figuren beanspruchen denselben Namen
Nach der Genesung kehrt Gable zurück und die Zuschauer bekommen eine lustige Szene, in der sich beide El Grande Americanos gegenüberstehen und aufeinander zeigen. Sie behaupten beide von sich, jeweils das Original zu sein, und werfen dem anderen vor, ein Betrüger zu sein.
So unterhaltsam die Szene auch anzusehen ist, so bedeutsam ist sie. Denn ab jetzt geht es nicht mehr um eine Geschichte, in der sich ein Amerikaner als der ursprüngliche Luchador ausgibt und sich über das mexikanische Wrestling lustig macht. Es geht um Identität: Wer hat das Recht, sich als El Grande Americano zu bezeichnen? Als Ludwig Kaiser die Maske übernahm, entstand die Frage der Identität. Erst mit der Rückkehr von Chad Gable nach seiner Verletzung wurde sie sichtbar und änderte damit die vorangegangene Prämisse.
Der Konflikt: Urheberschaft trifft auf gelebte Erfahrung
Chad Gable kann zu Recht behaupten, dass es ohne ihn die Figur nicht gäbe. Ludwig Kaiser kann dagegen auf seine Erlebnisse verweisen: Er hat die Rolle weitergeführt, vor einem neuen Publikum etabliert und eine eigene Beziehung aufgebaut. Aber reicht das für eine eigene Identität?
Die Zuschauer können selbst entscheiden, welchen Anspruch sie überzeugender finden. Dadurch treten sie nicht nur als Beobachter, sondern durch ihre Reaktionen auch als Unterstützer der zweiten Version auf. Ihre Akzeptanz hat dazu beigetragen, dass daraus eine ernsthafte Rivalität entstehen konnte.
Zurück zur Situation
Chad Gable wirft Ludwig Kaiser vor, er habe ihm die Identität gestohlen. Kaiser reagiert darauf, indem er sich deutlicher zu Mexiko und zur Lucha-Libre-Kultur bekennt. Er spricht nun von seinen Landsleuten, der gemeinsamen Flagge und seiner Verpflichtung, Mexiko zu verteidigen. Nachdem Ludwig Kaiser als El Grande das Rey-de-Reyes-Turnier gewonnen hat, ruft ihm das Publikum sinngemäß zu, dass er nun Mexikaner sei. Bei seinem nächsten Auftritt greift er das auf und erklärt, dass mexikanische Zugehörigkeit nicht allein durch Herkunft und Hautfarbe bestimmt wird, sondern durch die Verbindung zur Kultur und zu ihren Menschen.
An diesem Punkt wird sichtbar, dass die Fehde drei unterschiedliche Bedeutungsebenen entwickelt hat. Am Anfang steht die Parodie. Ein amerikanischer Wrestler übernimmt die äußeren Merkmale eines Luchadors und macht sich über das mexikanische Wrestling lustig und behauptet gleichzeitig, das ursprüngliche und bessere Wrestling komme aus Amerika.
Durch den Darstellerwechsel entsteht eine zweite Ebene. Als Chad Gable zurückkehrt, beanspruchen beide Männer dieselbe Maske und denselben Namen. Damit geht es nicht mehr um die ursprüngliche Parodie, sondern um die Frage, wer sich zu Recht als El Grande Americano bezeichnen darf.
Aus dieser Identitätsfrage entwickelt sich schließlich die dritte Ebene. Die beiden Versionen des El Grande Americano vertreten inzwischen unterschiedliche kulturelle Positionen. Gable tritt als ursprünglicher amerikanischer Spottcharakter auf, der die Überlegenheit des amerikanischen Wrestlings behaupten will. Kaiser ist dagegen trotz seiner deutschen Herkunft vom mexikanischen Publikum angenommen worden und tritt zunehmend als Vertreter der Lucha-Libre-Kultur auf.
Diese Ebenen stehen nicht getrennt nebeneinander, sondern bauen aufeinander auf. Der kulturelle Gegensatz zwischen Amerika und Mexiko war bereits in Gables ursprünglicher Parodie angelegt. Durch Kaiser erhält Mexiko jedoch erstmals eine eigene Position innerhalb derselben Figur. Der amerikanische El Grande Americano trifft nun auf einen El Grande Americano, dem das mexikanische Publikum kulturelle Zugehörigkeit zugesprochen hat.
Dadurch entwickelt sich der Streit um die Identität des El Grande Americano zugleich zu einem stellvertretenden Konflikt zwischen Amerika und Mexiko. Dabei treten nicht die beiden Länder selbst gegeneinander an. Gable verkörpert einen überzeichneten amerikanischen Überlegenheitsanspruch, während Kaiser für eine vom mexikanischen Publikum bestätigte kulturelle Selbstbehauptung steht.
Das Match: Eine Identität wird fallen
Die Fehde gipfelt nach einigen Raufereien in einem Masken-gegen-Masken-Match, in dem der Verlierer die Maske abgezogen bekommt. Die Maske ist der wichtigste Teil der Identität eines Wrestlers im Lucha Libre. Normalerweise soll eine Maske die Identität eines Wrestlers verbergen. In dieser Geschichte hat dieselbe Maske jedoch zwei konkurrierende Identitäten hervorgebracht.
Der Verlierer muss somit nicht nur eine Niederlage hinnehmen, sondern verliert auch seine Identität, was stilistisch absolut passend zu der Frage ist, welche Version überleben darf.
Der abschließende Maskenkampf führt daher allen drei Ebenen zusammen: Er entscheidet, wer die Maske behalten darf, welcher Anspruch auf die Identität des El Grande Americano bestehen bleibt und welche kulturelle Position sich innerhalb der Geschichte durchsetzt. Aus einer Parodie ist zunächst ein Identitätskonflikt und schließlich ein symbolischer Kampf zwischen Amerika und Mexiko geworden.
Dieses Match bildet den Höhepunkt einer Fehde, die Wrestlinggeschichte schreibt. Deshalb mein Appell: Schaut euch die gesamte Fehde an, achtet dabei auch auf die Reaktionen des Publikums und erlebt am Ende das „Grande Finale“.
Hier gibts den kompletten finalen Kampf:

Seit über 5 Jahren schreibe ich Texte und Rezensionen zu allen möglichen Themen und Bereichen, die mich interessieren.

















