Cancel Culture existiert nicht und das ist ein Problem

In der Debatte um die Meinungsfreiheit wird ein Begriff sehr oft verwendet: die Cancel Culture, die oft linken Gruppierungen zugesprochen wird. Doch in meinen Augen gibt es so etwas wie Cancel Culture gar nicht – und ich gehe sogar so weit zu sagen, dass genau das ein Problem darstellt. Wieso ich dieser Ansicht bin, werde ich im Laufe dieses Beitrags erklären. Wir gehen rein.

Was ist die sogenannte Cancel Culture?

Unter diesem politischen Begriff versteht man eine Zensurgesellschaft, in der insbesondere Menschen, die andere aus der Gesellschaft ausschließen wollen, weil diese nicht in ihr Meinungsbild passen, aktiv werden. Geprägt wurde das Konzept bereits 1991 durch den Film New Jack City, in dem das Verb „canceln“ in diesem Kontext verwendet wurde – was auch heute noch geläufig ist. Die Cancel Culture cancelt sozusagen.
Heute wird der Begriff mittlerweile sehr inflationär verwendet: Sobald eine öffentliche Person sich Kritik aussetzen muss, wird direkt von Cancel Culture gesprochen. Doch die Personen, die angeblich „gecancelt“ werden, verschwinden nicht von der Bildfläche – weswegen ich der Meinung bin, dass es sie faktisch nicht gibt.

Auf dem Bild zu meinem Beitrag zum Thema Cancel Culture bin ich zu sehen mit gesenktem haupt. Um mich herum schwirren schlagwörter und im Hintergrund sehen wir eine Welt die in Trümmern liegt begraben unter Zeitungen.

Der Fall Ofarim

Das jüngste Beispiel dafür ist wohl Gil Ofarim. Er hat in der Corona-Zeit einen Skandal ausgelöst, weil angeblich ein Hotelmitarbeiter ihn aufgrund seiner jüdischen Herkunft nicht bedienen wollte. Konkret meinte Ofarim, dass er seinen Davidstern nicht offen tragen dürfe und somit Antisemitismus erfahren hätte. Im Laufe des Verfahrens und der Aufklärung kam heraus, dass Ofarim Lügen verbreitet und dem Hotel sowie dem Mitarbeiter extrem geschadet hat. Vor Gericht wurde das Verfahren aufgrund einer Entschuldigung Ofarims – inklusive Schuldeingeständnis und Geldstrafe – eingestellt.
Nun hatte Ofarim einen Auftritt bei der jüngsten Staffel des Dschungelcamps und hat dieses sogar gewonnen. Vor laufender Kamera hat er dann doch weiterhin an seiner Unschuld appelliert und seine Taten relativiert. Allein das beweist, dass er nicht gecancelt wurde und immer noch stattfindet.

Cancel Culture existiert nicht

Ofarims Methode im Dschungelcamp war schon fast oscarreif. Während andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich klar gegen ihn stellten und ihn konfrontierten, blieb Ofarim sehr ruhig, sachlich und ging wenig auf Angriff – und das hat funktioniert. Er hat sich in eine Opferrolle gespielt und Mitgefühl bei den Zuschauerinnen und Zuschauern erhascht. Das Ergebnis: Er geht als Sieger hervor, und auch sein Ansehen hat sich verändert.
Während er nach wie vor Kritik und Gegenwind kassiert, gibt es auch eine Menge Menschen, die ihn im Internet verteidigen. Oder wie Sonja Kraus sagen würde: „Gil ist wie ein gefallener Held.“ Man solle doch aufhören, sich an ihm abzuarbeiten. Dass Menschen wie der Hotelmitarbeiter immer noch an den Auswirkungen seines Antisemitismus-Vorwurfs zu knabbern haben, wird dabei komplett vergessen, weil wir den Blick vom Opfer hin zum Täter richten. Somit entsteht eine Täter-Opfer-Umkehr. Doch das ist nicht das einzige Problem.

Die Verschiebung der Realität

Wie im Falle von Gil Ofarim gut erkennbar ist, findet eine Verschiebung der Realität statt: Von Kritikern bewegt sich ein Teil der Menschen hin zu Befürwortern. Das wäre auch gar kein Problem, würde Ofarim sich reumütig zeigen und aus seinen Fehlern lernen. Das ist aber nicht der Fall, und er schadet dem Hotelmitarbeiter auch weiterhin. Das hat für mich dann auch nichts damit zu tun, eine zweite Chance zu bekommen, wenn versucht wird, die eigenen Taten zu relativieren.
Was wir dadurch aber erreichen, ist die Entstehung eines Kulturkampfes. Es bilden sich zwei Lager, die über eine Sache debattieren, bei der es eigentlich gar keine zwei Seiten geben sollte. Denn klar ist, dass Gil dem Hotelmitarbeiter geschadet hat. Diese Sache ist nicht einfach mal so vom Tisch – vor allem nicht, wenn Ofarim außerhalb des Gerichts an seiner Unschuld festhält.

Wir gehen tiefer

Dadurch verfestigt sich in der Gesellschaft das Bild, dass wir uns sehr viel erlauben können, ohne wirkliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Blicken wir noch weiter und schauen auf die Politik: Wenn wir uns in Deutschland ansehen, warum vor zehn Jahren Politiker gecancelt wurden und was sie sich heute ohne Konsequenzen erlauben können, sehen wir eine ganz klare Verschiebung. Früher war mit das Schlimmste, wenn sich ein Politiker seinen Doktortitel erkauft hatte oder es Plagiatsvorwürfe gab. Die Konsequenz war mindestens ein Rücktritt. In der jüngeren Vergangenheit haben wir erlebt, dass ein Politiker, der in einen Finanzskandal verwickelt war, Bundeskanzler werden konnte – oder ein Jens Spahn, der wegen Maskendeals in der Kritik stand und trotzdem die CDU-Spitze bilden darf. Das sorgt dafür, dass wir alle das Gefühl dafür verlieren, was richtig und falsch ist.
In Amerika sehen wir sogar noch schlimmere Ausmaße: Donald Trump wird in den Epstein-Files öfter genannt als Harry Potter in seinen eigenen Büchern und darf trotzdem weiterhin das Land regieren. Das sendet klare Signale an Menschen, die wirklich heftige Verbrechen begehen, und zeigt, dass Macht grenzenlose Möglichkeiten bietet. Aber auch unsere Worte ändern sich.

Verrohung der Sprache

Auch unsere Sprache scheint konsequenzlos geworden zu sein. Ich beobachte in den letzten Jahren, und insbesondere seit der Corona-Zeit, wie sich unsere Sprache verändert hat. Gerade im Bezug auf die Öffentlichkeit sehen wir, wie sich der Moralkompass verschiebt. Menschen wie Donald Trump halten sich öffentlich nicht zurück und können konsequenzlos Fake News verbreiten oder die abstrusesten Sachen behaupten.
Aber auch in Deutschland können Politiker öffentlich den Holocaust relativieren und werden dafür abgefeiert. Ein Björn Höcke (oder heißt er Bernd?) darf aufgrund seiner Aussagen offiziell als Faschist bezeichnet werden und trotzdem weiterhin Politik machen. Das ist meiner Meinung nach in einer Demokratie ein absolutes Unding – zumal er dafür von seinen Wählerinnen und Wählern auch noch gefeiert wird. Oder ein Xavier Naidoo, der absolut wilde Verschwörungstheorien teilt, findet gerade wieder statt und dreht komplett frei. Dabei wird er jetzt sogar im Zusammenhang mit den Epstein-Files als „Vorbote“ betitelt, obwohl er im Vorfeld nichts davon bestätigt hat. Und selbst das, was stimmt, wurde schon Jahre vorher an die Öffentlichkeit getragen.

Die Konsequenz

Was dabei entsteht, ist, dass die Art, wie wir reden, verkümmert. Wir sehen tagtäglich, wie Personen des öffentlichen Lebens nahezu sagen dürfen, was sie wollen, ohne spürbare Konsequenzen. Obwohl diese Menschen zurecht Konsequenzen spüren sollten – denn es ist nicht richtig, was sie tun. Das lässt sich auch nicht mit freier Meinungsäußerung wegargumentieren, denn es kommen dadurch wirklich Menschen zu Schaden.
Um hier den Bogen zurück zu Gil Ofarim zu spannen: Er hat aktiv dafür gesorgt, dass eine Person extreme psychische Schäden davongetragen hat und ihren Job nicht mehr ausführen kann. Was er dafür bekommen hat, war eine haltlose Entschuldigung und ein Geldbetrag, den er heute noch nicht vollumfänglich erhalten hat.

Wir sehen, wie sich durch diese fehlenden Konsequenzen das Overton-Fenster verschiebt – und das ist sehr beängstigend. Da das Thema extrem umfangreich ist, möchte ich an dieser Stelle ankündigen, dass ein weiterer Beitrag zum Thema „Overton-Fenster“ geplant ist, der das Ganze ausführlicher und sachlicher aufarbeiten wird.

Links und Quellen: