Wie der Kulturkampf uns spaltet und du Teil davon bist – feat. TYP-XY

Die Bevölkerung in Deutschland driftet gefühlt immer weiter auseinander. Aber was steckt dahinter? In diesem Beitrag wollen wir dem Kulturkampf auf den Grund gehen und klären, was der Begriff bedeutet, wie er verwendet wird und warum so viele mitmachen. Also spitz die Lauscher und schnapp dir einen Kaffee oder Tee, denn es wird ungemütlich. Doch lass uns zu Beginn erst einmal die Begrifflichkeit „Kulturkampf“ klären.

Was ist Kulturkampf?

Historisch bezeichnet Kulturkampf im engeren Sinne den Kampf zwischen Otto von Bismarck und der katholischen Kirche im Kaiserreich der 1870er Jahre. Er veranlasste Gesetze und Strafen gegen katholische Vereine und Personen. Er drang in den Einflussbereich der katholischen Kirche ein, etwa bei Schule und Zivilehe, um die Regeln neu zu setzen und den Einfluss der Katholiken zu verringern. Bismarck erließ eine Reihe an Gesetzen und Maßnahmen, verfehlte damit aber sein Ziel und stärkte die katholische Zentrumspartei um 9,3 Prozent auf 27,9 Prozent im Jahr 1874. Nachdem Bismarck aus pragmatischen Gründen Unterstützung für seine Politik benötigte, näherte er sich der Zentrumspartei an und beendete mit den ersten Milderungsgesetzen den „Kulturkampf“.

Auf dem Bild zu meinem Kulturkampf Beitrag siehst du mich und meinen Co-Autoren und im Hintergrund sind zwei lager von Menschen die Tauziehen. Symbolisch für den Kultur Kampf

Später wurde der Begriff breiter verwendet und bezeichnet heute die allgemeine Auseinandersetzung über kulturelle, ethische und soziale Fragen innerhalb einer Gesellschaft oder zwischen unterschiedlichen Gruppen.
Um den Bogen zu spannen: Wir haben jeweils zwei Pole, die darum ringen, die gesellschaftlichen Spielregeln in bestimmten Bereichen festzulegen. Damals Staat vs. katholische Kirche und die Zentrumspartei, heute eher breiter gefächert in unterschiedlichen Arenen.

Wie spaltet der Kulturkampf die Gesellschaft?

Das grundlegende Ergebnis von Kulturkampf ist Spaltung. Dafür bedarf es nicht mal einer besonders kreativen Behauptung. Ganz egal, ob es ein immerwährender Generationenkonflikt ist, es um arme Menschen wie Bürgergeldempfänger geht oder um Menschen, die einfach anders leben: Man versucht dabei Klischees oder bereits herrschende Vorurteile zu bedienen. Das funktioniert logischerweise wunderbar. Ich werde das gleich noch an einem konkreten Beispiel erläutern. Das Vorgehen der Spaltung geschieht über mehrere Wege. Ich möchte mich an dieser Stelle auf das „Framing“ und die Spaltung durch die politische Rechte konzentrieren:

Spaltung durch Framing

Unsere aktuelle Regierung zeigt sehr gut, wie durch Framing ein Kulturkampf erzeugt wird. Ob es nun Bürgergeldempfänger, Kranke oder in Teilzeit Arbeitende sind: Es wird versucht, Feindbilder zu kreieren, um die Bevölkerung zu spalten – und das gelingt. Was sie sich davon versprechen, ist, von den eigentlichen Problemen abzulenken und die eigene Agenda durchzudrücken. Zum Beispiel wird im Fall der Teilzeitarbeitenden aufgrund der geringeren Arbeitszeit die Schuld für die schlechte Wirtschaft bei genau dieser Personengruppe gesucht. Dass aber die allgemeine Erwerbsquote gestiegen ist und sich damit auch ein Anstieg der Teilzeitarbeit erklären lässt, wird nicht erwähnt. Damit wird versucht, von der eigenen Unzulänglichkeit abzulenken, denn die schwächelnde Wirtschaft hat viel tiefergehende Gründe als zu wenig oder zu kurze Arbeitszeit.
Jede Diskussion über diese Themen ist eigentlich verschwendete Zeit, da die Fakten für sich sprechen. Was hier versucht wird, ist ein gezieltes Nach-unten-Treten oder ein gegeneinander Aufhetzen. Je mehr Menschen mitmachen, umso mehr verhärten sich die Fronten und die Bevölkerung spaltet sich.

Spaltung durch Rechts

Insbesondere rechte Politiker nutzen gerne Themen, die sich schnell widerlegen lassen, weil es ihnen gar nicht um die Sache geht, sondern um Emotionen und die eigene Agenda. Ganz egal, ob es um eine belanglose Regenbogenflagge oder das Gendern geht. Nachweislich profitieren rechte Parteien oder Akteure davon, wenn die Gesellschaft gespalten wird. Insbesondere die AfD profitiert seit Corona extrem von der gespaltenen Gesellschaft und befeuert diese auch immer wieder. Frei nach dem Motto: Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für uns. Das hat sogar ein Politiker der AfD selbst so gesagt. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Parteien und Akteure wie die AfD vom Kulturkampf und der Spaltung leben. Insbesondere von der Spaltung in Rechts und Links. Dabei lässt sich gut beobachten, dass gerade Linke oder Parteien, die eher links als rechts verortet werden (wie die Grünen), zum absoluten Feindbild gemacht werden – durch explizites Framing der politisch Rechten. Dabei sind ihnen alle Mittel recht, auch das der Desinformation.

Beispiel Bürgergeld

Gerade beim Thema Bürgergeld und der damit verbundenen Reform wird enorm viel Zeit darauf verschwendet, darüber zu debattieren. Vor allem im Bundestag, denn der Kulturkampf geht bis dorthin. Die Regierung, namentlich die CDU, stellt die Behauptung auf, das Bürgergeld müsse reformiert werden, da zu viele Menschen diese Sozialleistung ausnutzen. Damit würden haufenweise Steuern eingespart. Die Konsequenz ist, dass die Anforderungen an die Bürgergeldempfänger verschärft und härtere Sanktionen eingeführt werden. Das Framing dabei ist klar: Bürgergeldempfänger sind Schmarotzer, die sich am Staat bedienen und nicht arbeiten wollen. Dadurch wird gerade für die arbeitende Bevölkerung ein Feindbild kreiert, das gewissen Vorurteilen perfekt in die Karten spielt.

Die Realität über das Bürgergeld

Die Realität aber ist, dass das Bürgergeld nur von einem sehr kleinen Prozentsatz ausgenutzt, von den allermeisten aber aus berechtigten Gründen beansprucht wird. Durch die Reform wird es für alle im Bürgergeld bzw. in der Grundsicherung schwerer. Das sorgt mutmaßlich für eine höhere Armut in Deutschland und wird auch einige in die Obdachlosigkeit treiben. Das in Kauf zu nehmen, nur weil einige wenige das System ausnutzen, ist einfach unmenschlich. Von Gerechtigkeit zu reden, ist hier falsch, denn es wird immer Menschen geben, die Mechanismen eines Sozialstaates ausnutzen. Zudem kommt durch diese Reform eine höhere Steuerbelastung durch mehr Bürokratie dazu. Langfristig werden die Einsparungen also immer geringer. Was hier ganz deutlich wird, ist, dass die Regierung den Kulturkampf nutzt, um den Sozialstaat abzubauen – unter dem Deckmantel einer angeblich faulen Bevölkerung. Zudem versuchen sie den einfachsten Weg zu gehen, um Einsparungen vorzunehmen: auf dem Rücken der Schwächeren und Armen.

Wieso beteiligen sich so viele daran?

Nochmal zum Punkt, dass häufig zwei Pole darum ringen, welche gesellschaftlichen Spielregeln gelten. Warum positionieren sich viele, teilen und kommentieren Konflikte, die auch im Alltag weitergetragen werden? Hier gibt es ein Bündel an Faktoren, die im Hintergrund (Werte/Struktur), als Auslöser (Trigger) und als Verstärker (Social Media) wirken:

Veränderung der Werte

Der Wertewandel von Materialismus hin zum Postmaterialismus besagt, dass die materiellen Bedürfnisse in wohlhabenden Demokratien oft weitgehend befriedigt sind und man nun nach der Erfüllung der immateriellen Bedürfnisse strebt. So rücken damit vermehrt Themen wie Selbstentfaltung, Teilhabe, Ökologie, Lebensstile etc. in den Vordergrund. Damit werden Themen von der großen Ebene kleiner in die persönliche Ebene überführt, wodurch es auch emotionaler wird.

Realitätswandel und Strukturelle

Veränderungen Ändern sich nun die Realität oder die Lebensbedingungen durch Wohlstand, Bildung, Individualisierung, Arbeitswelt etc., entstehen damit auch neue Alltagsfragen. Beispielsweise sind viele Ältere heutzutage gefordert, mit dem Smartphone umgehen zu können. Viele Tätigkeiten wie Tickets für die Bahn kaufen oder die Terminvergabe beim Amt laufen teilweise digital ab. Selbst wenn es Alternativen gibt, steigt die Hürde. Aufgrund der Verschiebung kann das Gefühl des „Abgehängtwerdens“ entstehen. Das kann auch Gegenreaktionen auslösen, wenn sich die Veränderung nach dem Verlust der gewohnten Normalität anfühlt.

Polarisierung einzelner Themenpunkte

In dem Buch Triggerpunkte von Mau/Lux/Westheuser wird festgestellt, dass bestimmte Themen wie ein Knopf wirken, der in uns gedrückt wird und wir beginnen, Grunderwartungen auszuhandeln. Beispiel: Die Pflicht, während der Corona-Pandemie eine Maske zu tragen, kann das Fairnessgefühl „triggern“, wenn die Maske bei körperlichen Arbeiten getragen werden muss, während andere Situationen als weniger strikt erlebt werden. Wenn der Knopf gedrückt wird, sind wir ganz schnell im Aushandeln von moralischen Grunderwartungen. Damit können Konflikte angeheizt werden, auch wenn die ganze Gesellschaft nicht komplett polarisiert sein muss.

Social Media als Verstärker

Soziale Medien können als Verstärker verwendet werden. Hier wird das Teilen, Liken, Kommentieren von Inhalten stark erleichtert und benötigt geringen Aufwand. Was früher im örtlichen Vereinshaus ausgetragen wurde, findet heute Wege in die ganze Welt. Zudem behandeln Ranking-Systeme Inhalte bevorzugt, die viel Engagement (Empörung/Wut) auslösen. Dadurch werden diese häufiger in den eigenen Feed gespült. Eine Studie aus dem Jahr 2021 konnte feststellen, dass moralische Empörung online gelernt und verstärkt wird. Menschen passen ihren Ausdruck an das an, was mit Aufmerksamkeit belohnt wird. Zusätzlich zeigten Untersuchungen, dass Inhalte der Gegenseite häufiger geteilt wurden, als die, der eigenen Gruppe. Dadurch lässt sich die eigene Positionierung leichter in Teams einteilen. Damit entstehen auch die positiven Gefühle einer Gruppenzugehörigkeit, und man beginnt den eigenen Standpunkt gegen das „gegnerische Team“ zu verteidigen. Wenn solche Debatten dann in Institutionen landen, verstärken diese den Alltagseffekt erneut.

Kurz: Wertewandel und Alltagswandel bedingen sich gegenseitig: Veränderungen im Alltag verschieben Werte und veränderte Werte ändern wiederum Alltag und Institutionen. Die Triggerpunkte erklären das plötzliche Aufladen einzelner Themen und Social Media dient als Verstärker von Reichweite und Beteiligung. Krisen, ökonomische Unsicherheit und politische Mobilisierung wirken als zusätzliche Treiber.

Fazit: Wieso wir damit aufhören sollten

Im Laufe des Textes kristallisiert sich schon heraus, was gegen den Kulturkampf spricht, deswegen soll dieser Punkt mehr als Fazit fungieren. Das Kernproblem des Kulturkampfes ist, dass sich verhärtete Fronten mit unterschiedlichen Ansichten bilden, die gnadenlos auf ihrem Standpunkt beharren. Diese sollte es aber nicht geben, da es damit niemandem besser geht und die Faktenlage in den meisten Fällen ohnehin eine andere ist. Außerdem werden dadurch nur die Positionen derer gestärkt, die diesen Kulturkampf starten und davon profitieren. Prüft die Fakten, lasst euch auf einen Konsens ein und versucht eine Einigung zu finden, auch wenn es schwerfällt.
Übrigens sind auch Verschwörungstheorien ein Teil von Kulturkampf, der aber auf einer ganz anderen Ebene stattfindet. Denn hier werden grundsätzlich Fakten missachtet und abstruse Theorien erfunden, die dem eigenen Weltbild zusprechen. Frei nach dem Motto: „Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt.“
Das große Problem beim Kulturkampf ist, dass wir uns als Gesellschaft dadurch spalten lassen und uns gegenseitig bekriegen, anstelle uns um das wirkliche Kernproblem zu kümmern. Zum Beispiel beim Thema Bürgergeld: Es bringt uns nicht weiter darüber zu diskutieren, ob es Schmarotzer in diesem System gibt oder nicht. Denn klar ist: Die Konsequenzen, die durch eine blinde Reform oder toxische Debatten entstehen, sind für die Allgemeinheit durchaus schlimmer als das ursprünglich angesprochene Problem.
Es braucht das Vermögen, einen Kulturkampf als solchen zu erkennen und sich nicht darauf einzulassen. Genau das ist allerdings die Schwierigkeit, denn diese Kämpfe sind meistens extrem emotional aufgeladen und verhindern bewusst eine sachliche Betrachtung.