Stranger Things ist „woke“ – und niemand bemerkt es.

Die achte und letzte Folge der aktuellen Staffel von Stranger Things ist nun seit fast drei Wochen online, und über das Finale streiten sich die Demogorgons. Aber darum soll es heute nicht gehen. Wie sicherlich auffällt, werden in der Popkultur immer wieder Stimmen laut, die gegen Franchises oder das Medium Film bzw. Serien wettern – oft unter dem Schlagwort „Wokeness“. Ein Begriff, der zum Kampfbegriff der politischen Rechten geworden ist, um Kulturkampf zu betreiben. Wie dumm und ungerechtfertigt das ist, zeigt Stranger Things extrem gut.
Eine Serie, die sich so großer Beliebtheit erfreut und kaum Rufe wegen „Wokeness“ provoziert. Doch was ist, wenn ich dir sage, dass Stranger Things genauso divers ist wie all die anderen Serien, die dafür immer kritisiert werden? Überrascht? Dann lass uns mal loslegen – und auch dieser Text hat einen Twist, sei also gespannt.

Ein Stranger Things Cast, der nicht unterschiedlicher sein könnte

Keine Angst, ich werde an dieser Stelle nicht die komplette Handlung spoilern und auch auf die letzte Staffel kaum eingehen. Dennoch muss ich, gerade was den Cast und die Charaktere betrifft, einige Aspekte der Serie beleuchten.

Auf dem Bild zu meinem Beitrag, "Die STranger Things Serie ist Woke" ist ein Demogorgon Kopf zu sehen mit Regenbogenflagge. Vor Ihm sind die 4 Kids aus Stranger Things, die zu ihm Blicken. Außerdem ist der Schriftzug "Upside Down and Pride" zu sehen.

Du solltest also zumindest bis zur finalen Staffel geschaut haben.
Schauen wir uns mal den Cast an und gehen zuerst auf die vier Startfiguren ein: Lucas, Will, Dustin und Mike. Auf den ersten Blick nichts Spektakuläres, aber sehen wir genauer hin, kristallisiert sich da schon mehr heraus. Zum einen haben wir Will, der homosexuell ist. Mit Dustin haben wir einen Charakter mit einer körperlichen Beeinträchtigung (Dysostose), die der Schauspieler Gaten Matarazzo sogar im echten Leben hat – also ein absoluter „Win“ in Sachen authentisches Casting. Lucas ist Schwarz und Mike der Anführer, der versucht, alles zusammenzuhalten.
Alle zusammen sind sie Außenseiter, die immer wieder mit ihren eigenen Dämonen konfrontiert werden: Ob sie nun mit Rassismus zu kämpfen haben, aufgrund ihrer Beeinträchtigung gemobbt werden oder selbst nicht wissen, was mit ihrer Identität los ist. Genau das ist immer Teil der Serie und wird thematisiert. Zugegeben, das gehört auch zum Coming-of-Age-Setting, aber es unterstreicht dennoch meine These. Doch nicht nur die Hauptfiguren der ersten Stunde sind sehr vielseitig, auch die Charaktere, die im Verlauf der Serie neu dazukommen.

Wie sich die Gruppe über die Staffeln erweitert

Neben den Jungs kommt natürlich direkt zu Beginn der ersten Staffel noch Jane – besser bekannt als „Elfi“ – dazu, die übernatürliche Fähigkeiten hat und ziemlich taff ist. Ihr Ziehvater Hopper ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie sehr ein Charakter „80er“ sein kann und doch so modern geschrieben ist. Hopper entspricht fast dem Bildnis eines 80er-Jahre-Actionhelden, der dann doch untypisch ist, da er seine ganz eigenen Probleme mitbringt. Traumatisiert vom Verlust seiner Tochter und gezeichnet von Alkoholsucht und Depressionen, verliert er auch noch seine Frau. Kein Wunder, dass er mürrisch ist. Aber er hat auch ein gutes Herz, wie er immer wieder beweist. Er ist also alles andere als der typische, unnahbare männliche Actionheld.
Steve hingegen wird in der ersten Staffel als Mobber und ziemliches Arschloch eingeführt. Ziemlich schnell macht dieser aber eine Wandlung durch und mausert sich zum absoluten Publikumsliebling. Dabei wird er immer wieder sehr verletzlich und als „Good Guy“ dargestellt, der auch mal einstecken muss. Nancy ist das beste Beispiel dafür, wie sehr Stranger Things mit 80er-Klischees bricht: Sie ist von Anfang an eine extrem taffe und emanzipierte Frau, die vor allem den männlichen Charakteren immer wieder den Arsch rettet. Also nicht die typische „Jungfrau in Nöten“, die besonders in den 80ern und 90ern gerne dargestellt wurde. Dabei verliert Nancy nie ihr Wesen, hat durchaus mit Herausforderungen zu kämpfen und muss sich oft selbst überwinden.

Wenn der Cast divers ist und die Serie bewusst mit Rollenbildern bricht – müsste Stranger Things dann nicht längst unpopulär sein, wenn „Woke“ wirklich ein Zuschauerkiller wäre? Was sagt mein Gast?

Faktenlage zu Stranger Things und „Wokeness“

Der Begriff „woke“ ist sehr schwammig und unscharf, sodass man den Begriff mit Ausnahmen so basteln kann, wie es einem gerade passt. Oft wird „woke“ beziehungsweise Diversität/Progressivität als ein Fehler im Marktgeschehen bezeichnet, der von Menschen abgelehnt wird. Allerdings stellt sich damit die Frage, warum Stranger Things dann so erfolgreich ist. Denn die 5. Staffel landet seit dem Launch in 91 von 93 getrackten Ländern von FlixPatrol auf Platz 1. Nicht jedes dieser Länder ist demokratisch und besitzt eine Vielzahl an Freiheitsrechten. Wenn wir diese „unfreien“ Länder betrachten wollen, brauchen wir ein Bewertungssystem. Dafür eignet sich der jährliche Bericht „Freedom in the World“ der Organisation „Freedom House“.
Die Organisation veröffentlicht seit 1973 einen jährlichen Bericht über die Entwicklung der politischen Rechte und der bürgerlichen Freiheiten in allen Staaten und politischen Territorien. Der Score beläuft sich auf maximal 100 Punkte, wovon politische Rechte 40 Punkte und bürgerliche Freiheiten 60 Punkte ausmachen. Der Optimalwert liegt bei 100 Punkten, wobei ein Land/Staat als gesichert „frei“ gilt.

Sieht man sich nun die „unfreien“ Länder an, die bei Freedom House den niedrigsten Score erreichen und in denen Stranger Things ganz oben steht, ergeben sich folgende Werte:

Top-1-Länder„Freedom in the World“ Score
Saudi-Arabien9/100
Vereinte Arabische Emirate18/100
Oman24/100
Katar25/100
Kuwait31/100

Wie passt das nun zusammen, dass Stranger Things großen Erfolg in Ländern genießt, die als „unfrei“ gelten, in denen Homosexualität kriminalisiert ist, obwohl die Serie durchaus Vielfalt und Progressivität zeigt? Denn wenn die staatliche Einschränkung dieser Länder bis ins Wohnzimmer wirken würde, dann wäre so ein Werk mit dieser Popularität weniger wahrscheinlich.

Nun ist es auch logisch, dass in Ländern, die bürgerliche Freiheiten einschränken, die Bevölkerung dennoch divers sein kann. Zusätzlich ist die Gruppe der Netflixzuschauer vermutlich auch urbaner, jünger und wohlhabender als die generelle Bevölkerung, dennoch entsteht diese Kluft zwischen staatlicher Norm und individueller Kulturpraxis. Freilich belegt das nicht die Zustimmung zu progressiven Werten, aber zeigt, dass Progressivität kein Zuschauerkiller ist.

Unser Fazit

In dieser Serie finden wir wenig Kritik an Elementen, die in anderen Serien und Filmen kritisiert werden. Beispielsweise bei der Neuverfilmung von „Schneewittchen“ wird oft behauptet, der Film sei schlecht aufgrund von „Wokeness“. In Wahrheit leiden solche Filme oft schlichtweg unter einer schlechten Produktion oder einem schwachen Skript. Das Wort „Woke“ wird hier oft als falsches oder fadenscheiniges Argument benutzt, um die eigene Agenda einzubinden. Sobald in einem Film eine nicht-weiße Person, eine homosexuelle oder trans Person auftaucht, wird direkt eine Indoktrinierung oder Verschwörung gewittert.
Unsere Realität sieht anders aus. Es gibt unterschiedliche Menschen – also wieso sollte diese Vielfalt nicht abgebildet werden? Stranger Things macht genau diese konsequenten Schritte und zeigt, dass Diversität viele Schichten hat: Rollenbilder können innerhalb der Serie gebrochen werden und wirken dennoch stimmig. Der internationale Erfolg der Serie spricht dafür, dass nicht die Vielfalt das Problem ist, sondern die Art, wie darüber gesprochen wird.

 

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PS: Ich hasse es, das Wort „woke“ zu verwenden, weil dieser Begriff ein absoluter Kampfbegriff der Rechten geworden ist und komplett zweckentfremdet wird. Denn es ist absolut nichts Falsches daran, empathisch zu sein und Menschen, die nicht weiß und hetero sind, zu inkludieren und ihnen eine Bühne zu geben.

An dieser Stelle auch ein großes Danke an [Name deines Freundes] für seinen Text und die Fakten. War eine sehr coole Erfahrung für mich!